Konzept

Was ist ein Waldkindergarten?

Wie in einem klassischen Kindergarten ist die Grundidee unserer Waldgruppe im Kindergarten, daß die Kinder spielen, lachen, lernen, basteln, toben und singen können. Trotz Grundregeln sollen die Kinder sich frei entfalten können. Vormittags finden alle diese  Aktivitäten nach dem Grundsatz: „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur unangemessene  Kleidung“ im Wald statt. Lediglich bei extremer Witterung wird eine Schutzunterkunft aufgesucht. 
Für das tägliche Mittagessen, den Mittagsschlaf und nachmittägliche Aktivitäten steht der Gruppe ein geeignetes Objekt zur Verfügung. Im Sommerhalbjahr schlafen wir an den langen Waldtagen in der Heide. Dazu haben wir Schlafsäcke, Zelte, Sonnenschutz und Isoliermatten. An kalten Tagen oder im Winterhalbjahr schlafen wir mittags in der Kita „Schafschwingelweg“. Dort haben wir auch einen Gruppenraum. Aber am schönsten ist es doch noch draussen – im Wald….

Entstehungsgeschichte des Waldkindergartens

Der erste Waldkindergarten wurde in den 50iger Jahren in Dänemark gegründet und entsprang einer Initiative der Dänin Ella Flatau, welche sich mit den eigenen Kindern täglich zu Spielen und Naturbeobachtungen in einem nahegelegenen Wald aufhielt. Daraufhin baten NachbarInnen, welche keinen Kintergartenplatz für ihren Nachwuchs erhalten hatten, Flatau, auch ihre Kinder mitzunehmen, so daß die Kinderzahl an diesen Waldaktivitäten stieg. Die Eltern dieser Kinder starteten daraufhin eine Initiative und gründeten besagten Waldkindergarten. Bisher existieren  neben zahlreichen Naturgruppen etwa 150 (!) Waldkindergärten in Deutschland, Tendenz weiterhin steigend.

Warum gerade ein Waldkindergarten?

Der Lebens- und Aktionsraum unserer Kinder wird heute zunehmend auch in Halle durch den Bau von Straßen, Siedlungen, Einkaufszentren, Garagen und Parkflächen eingeengt. Kleinere Wälder oder Parks in der Großstadt sind selten und werden zudem oft durch Hundekot verunreinigt bzw. durch freilaufende Hunde weiter beschränkt, so daß diese ohnehin vereinzelten Naturflächen praktisch für Kinder nicht als Spielräume in Frage kommen. Geschützte Räume für Großstadtkinder stellen Innenhöfe, eingezäunte Spielplätze und bestenfalls Gärten dar. Diese sind eng begrenzt und abgesehen von den Gartenflächen eher versiegelt als begrünt. Naturspielplätze sind in der Stadt Halle so gut wie nicht vorhanden.

Durch derart eingeengte Bewegung können Defizite bei der Ausbildung und Entwicklung grundlegender Fähig- und Fertigkeiten der Kinder entstehen. Dementsprechend belegen zahlreiche Forschungen zunehmende Bewegungsarmut sowie einen Mangel an sinnlicher Erfahrung, deren Folgen Haltungsschwächen und -schäden, Fußdeformationen, Konditions-mängel, erhöhte Unfallhäufigkeit aufgrund von Koordinationsproblemen, Sprach- und Eßstörungen, gemindertes Selbstwertgefühl, aggressives Verhalten, Phantasielosigkeit etc. sind.

Auch in den klassischen Kindereinrichtungen sind den Mädchen und Jungen räumliche Grenzen gesetzt, denn „die Architektur eines Gebäudes legt bestimmte Verhaltensweisen nahe und verhindert andere.“   Das heißt, in geschlossenen Zimmern ist eine natürliche Bewegungsfreiheit kaum gegeben. Einerseits muß Klettern und Toben aus Gründen des Unfallschutzes oft unterbunden werden. Andererseits ist zwanglose Stille nahezu undenkbar. Um auf engem Raum gezielt kommunizieren zu können, müssen die Kinder weniger räumliche Entfernungen als vielmehr die Lautstärke der anderen überwinden. All dies verstärkt die ohnehin gegebene ständige Reizüberflutung der kindlichen Sinne durch elektronisches Spielmaterial und läßt Kinder nervös und unausgeglichen werden.

Etwas weiträumigere Kindergartengelände und das unmittelbare Umfeld der Einrichtung bieten hier in Abhängigkeit von der jeweiligen Lage zwar gute Ausgleichsmöglichkeiten, doch tendenziell setzen sich die o.a. Grenzen auch hier fort. Deshalb nutzen in zunehmendem Maße Kindereinrichtungen gern Angebote für Wanderungen, Ausflüge und Exkursionen in die nähere Umgebung ihres Standortes.

Die Vorteile des Waldkindergartens sind:

  • das Ausleben des natürlichen Bewegungsdranges der Kinder an der frischen Luft fast ohne  künstliche Grenzen,
  • weniger Lärmbelästigung, weniger Stress, größerer Aggressionsabbau,
  • Wahrnehmen und Kennenlernen weitgehend unverfälschter Natur, natürlicher Kreisläufe,
  • Sensibilisierung der Kinder für Natur und Stille, behutsamer Umgang mir Lebewesen,
  • Anregen der Phantasie und Kreativität der Kinder durch Vielfalt und Veränderlichkeit der Natur,
  • Erfahren körperlicher Grenzen und Entwicklungsfortschritte mit allen Sinnen statt durch vorgefertigtes Spielzeug,
  • Stärkung des Selbstwertgefühls und emotionale Stabilität,
  • besseres Wohlbefinden und Abhärtung durch regelmäßige Bewegung im Freien auf natürlichem Boden statt auf versiegelten Flächen,
  • nahezu ungestörte Aufmerksamkeit der Erzieherinnen gegenüber den Kindern, da zumindest vormittags keine Unterbrechungen durch Telefonate und andere organisatorische Dinge erfolgen,
  • Beschränkung auf die notwendigsten, aber klaren Regeln, welche für die Kinder mit unmittelbarem Erleben verbunden und somit nachvollziehbar sind.

Weiterführende Literatur

  • Dresdner Waldkindergarten – Projektkonzeption 1997
  • Köllner, S./Leinert, C. (1998): Waldkindergärten. Ein Leitfaden für Aktivitäten mit Kindern im Wald. BD Fachverband Forst e.V., Schriftenreihe- Band 6. Riwa-Verlag: Augsburg
  • Rech, L. (1995): Der Waldkindergarten – ein neues Konzept zur Erziehung von Kindern. In: Informationen und Materialien zum Waldkindergarten. Landeswohlfahrtsverband Würtemberg-Hohenzollern
  • eine große Auswahl an Literatur auch hier: Deutscher Forstverein; ErzieherIn-online